Zögernder Mittelstand: Industrie 4.0 tritt auf der Stelle

Für den Industriestandort Deutschland kann die Digitalisierung ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz aus Asien sein. Doch der fertigende Mittelstand zögert noch bei Investitionen in Industrie 4.0-Lösungen. Hier ist auch die Politik gefordert, meint Thomas Ahlers von Freudenberg IT.

Thomas Ahlers ist Executive Vice President Industrial Solutions EU bei Freudenberg IT
(Foto: Freudenberg IT)

Die voranschreitende Digitalisierung bietet schier unzählige neue Möglichkeiten. So kann die sogenannte vierte industrielle Revolution – auch unter dem Schlagwort Industrie 4.0 bekannt – der fertigenden Industrie einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den asiatischen Niedriglohnländern erbringen. »Besonders um das hohe Innovationsniveau in Deutschland und den sich daraus ergebenden Wettbewerbsvorteil aufrecht zu erhalten ist es entscheidend auf Industrie 4.0 zu setzen«, findet Thomas Ahlers, Executive Vice President Industrial Solutions EU bei Freudenberg IT. Schließlich birgt die Optimierung von Fertigungsprozessen ein enormes Potenzial. Sie ermöglicht es beispielsweise, ein Auto flexibel gemäß der Kundenkonfiguration in kurzer Zeit im Rahmen der Massenproduktion bei gleichbleibenden Kosten herzustellen, erläutert Ahlers gegenüber CRN. Als Paradebeispiel dient ihm hier der US-Hersteller Harley-Davidson. Dieser kann innerhalb von weniger als einem Tag ein Motorrad nach individuellem Kundenwunsch entsprechend vorgegebener Herstelleroptionen vom Band laufen lassen.

Doch die Umsetzung von Industrie 4.0-Projekten tritt in Deutschland derzeit auf der Stelle. »Nur wenige Unternehmen realisieren bisher eine intelligente Produktion«, stellt Ahlers fest. Der hierzulande stark ausgeprägte Mittelstand zögert, obwohl vor allem in der produzierenden Industrie das Potenzial erkannt wird. Dies belegt auch der IT Innovation Readiness Index, eine Studie zur IT-Durchdringung im produzierenden Gewerbe, die das Marktforschungsinstitut »Pierre Audoin Consultants« im Auftrag der Freudenberg IT angefertigt hat. Auf einer Skala zwischen null und zehn stagniert der Industrie 4.0-Index der mittelständischen Fertigungsindustrie bei 6,5 im Vergleich zum Vorjahr von 6,6.

Als Gründe für die Stagnation nennt Ahlers besonders die Zurückhaltung in der Management-Ebene. Gleichzeitig stellt er aber eine hohe Resonanz bei den Produktionsleitern fest. »Hier sind in erster Linie Pilotprojekte gefragt, die den Nutzen von Industrie 4.0 verdeutlichen, zudem fehlt es noch an Aufklärung von Seiten der IT-Dienstleister«, so der Manager des IT-Providers. Vor allem die hohen Investitionskosten in eine Industrie 4.0-Umgebung sind in seinen Augen eine enorme Hürde. Während es in den USA viel leichter ist, staatliche Fördergelder für die Optimierung der Produktionsprozesse zu erhalten, sieht er in Deutschland an dieser Stelle großen Nachholbedarf. Ein weiterer wichtiger Punkt ist für ihn die hohe Komplexität von Industrie 4.0, die eine bessere Ausbildung von Fachkräften und den Ausbau der technologischen Infrastruktur nötig macht.

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Kommentare (1) Alle Kommentare

Antwort von Jochen Berbuer , 18:18 Uhr

Danke für diese Übersicht, Herr Scheibe und Herr Ahlers. Wir haben als Gesellschaft eine sehr erfolgreiche Industriegeschichte. Ich denke so fällt es in Deutschland leicht sich bei der Umsetzung mit Industrie 4.0 selbst im Wege zu stehen. Nun kommt eine in dieser Dimension noch nicht dagewesene Industrierevolution in dieser Kürze der Zeit auf alle zu.

Nein, sie wird nicht an uns vorbeiziehen wie eine Grippewelle. IT verschmilzt mit OT. In fünf Jahren (2020), werden lt. Prognosen von Goldman Sachs, global 28 Milliarden vernetzte Sensoren an Prozessen beteiligt sein. Mit deren Daten wird an neuen IT und OT Lösungen gebaut werden. Dank unserer heute hohen Industrieleistungen wird man die jetzt bereits verlorene Zeit sicherlich irgendwie auch aufholen können. Irgendwann und dann mit großen Anstrengungen und hohen finanziellen Aufwendungen oder durch Merger and Acquisitions.

Nichtsdestotrotz, "The train is leaving the station" und entscheidungsfreudige Unternehmer werden mittelständige und große Unternehmen bald zügig überholen, und damit ganze operative Bereiche verdrängen. Ein Beispiel aus dem letzten Jahrzehnt, was passiert wenn man nicht acht gibt, ist die IP Telefonie: In den 90ern belächelt, heute Stand der Technik. Viele der früher großen Hersteller in der Telefonie sind verdrängt und vergessen. Wer wird als Nächster fallen?

Die GoToMarket Group der GTM GmbH bietet an, Bootcamps auf Maß zu schneidern, um damit unternehmensinterne und externe Fachkräfte gemeinsam an das Internet of Everything und Industrie 4.0 heranzuführen. Solch ein Bootcamp wirkt wie ein Beschleuniger und ermöglicht es u.a. auch Eco-Partnerschaften auszutesten, oder die Auszubildenden gleich auch noch zu begeistern, als wertgeschätzte Fachkräftegeneration der kommenden Jahre. It’s better together.