US-Bann gegen Huawei trifft gesamte ITK-Branche: Ein protektionistischer Keil

Huawei darf bei seinen neuen Smartphones voraussichtlich nicht auf Android zurückgreifen. Das ist nicht nur ein Desaster für den chinesischen Hersteller, sondern eine Gefahr für die gesamte eng verzahnte IT- und Digital-Wirtschaft.

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Huaweis neue Smartphones werden weiterhin auf Android basieren, versicherte Vincent Pang, Senior Vice President und Board Director des chinesischen Herstellers, kürzlich noch selbstbewusst vor US-Medien. Nur wenige schwerwiegende Momente später: Das »Mate 30«, das neue Flaggschiff-Smartphone des Anbieters, wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mit Googles Betriebssystem auf den Markt kommen. Wie ein Sprecher des US-Digitalkonzerns gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte, sei es unter dem aktuellen Handelsembargo nicht möglich, Huawei weiter zu unterstützen und eine entsprechende Lizenz zu bestätigen. Das gilt nach aktuellem Stand für alle neuen Geräte des Herstellers.

Für Huawei ist die Nachricht ein Desaster. Nachdem die Diskussion um das Embargo und seine Auswirkungen auf die Produkte des Herstellers zuletzt vor allem mit Unklarheiten glänzte und eine Verlängerung einer Ausnahmegenehmigung für Huawei den Wirtschaftskonflikt auf Schultern der ITK-Branche etwas entspannte, wäre der unfreiwillige Verzicht auf Googles Betriebssystem jetzt vor allem außerhalb Chinas eine greifbare Gefahr für das Smartphone-Geschäft des Konzerns. Während sich Huawei in den vergangenen Jahren vom Anbieter günstiger Mittelklasse-Geräte zum Flaggschiff-Platzhirsch und potenziellen Thronräuber mit scharfem Blick auf die Marktführerschaft von Apple und Samsung gemausert hat, dürften die chinesischen Produkte ohne das Android-Ökosystem zukünftig kaum mehr attraktiv für europäische Käufer sein. Zwar hat Huawei in beachtlicher Geschwindigkeit das eigene Betriebssystem Harmony OS aufgesetzt, das für mehr Unabhängigkeit sorgen soll. Die meisten Experten bewerten dieses jedoch als Notlösung, als aktuell wenig wettbewerbsfähige Alternative zu Android. Dafür spricht auch, dass der Hersteller selbst lieber in der Google-Welt bleiben möchte.

Der Fall ist nicht zuletzt ein plastisches Beispiel dafür, wie die Branche mittlerweile von einigen wenigen Unternehmen dominiert wird und wie groß die Abhängigkeit der Hardware-Hersteller von der massiven Nutzerbasis und den weitreichenden Diensten von Anbietern wie Google sind. Am Ende dieses politischen Kräftemessens wird es aber in der gesamten Technikwelt keine Gewinner geben. Auch Google verliert im schlimmsten Fall mit Huawei einen wichtigen Partner in China und Europa – die USA einen kaufkräftigen Abnehmer von Hardware. Der Huawei-Bann sei »Harakiri«, erklärte Eric Matthes, Deutschland-Chef von HMD Global, kürzlich gegenüber der »Süddeutschen Zeitung«. Denn die Digitalwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren, ungeachtet aller politischen Strömungen, grenz- und kulturübergreifend verzahnt. Jetzt einen protektionistischen Keil zwischen die einzelnen Zahnräder zu treiben, dürfte viel weniger zur Stärkung einzelner Bereiche beitragen, als vielmehr dem gesamten System schaden.